Rezension von Dr. Harald Specht bei Amazon erschienen

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Rezension zum Sachbuch: „Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens“ von Doris Wolf

Bereits 1994 war Wolfs Sachbuch „Was war vor den Pharaonen – Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens“ erschienen, das 15 Jahre später auch in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung im DEWE Verlag Zürich unter dem Titel „Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens“ zurecht eine Renaissance erlebte. Reiseerlebnisse und Arbeiten über die prähistorischen Muttergottheiten im Nahen Osten (z.B. M. Stones „When God Was a Woman“) führten die Autorin zu eigenen intensiven Untersuchungen über die frühen Anfänge der Nilkultur und die Ursprünge der Frauenrolle in einer genuin weiblichen Kulturphase. Als Resultat jahrzehntelanger Forschungen legt die Autorin mit ihrem Buch eine tiefgründige Analyse der ägyptischen Geschichte und Gesellschaftsstruktur vor, die vor allem den Übergang zu den sogenannten „Hochkulturen“ und speziell den „Pharaonenreichen“ Altägyptens markiert. Das im Untertitel bescheiden als „eine Kriminalgeschichte“ charakterisierte Werk ist aber mehr als ein historischer Abriss und oft ganz anders, als man es von vielen anderen Ägyptenbüchern, Pyramidenbeschreibungen oder prachtvoll bunten Fotobänden der klassischen Ägyptologie kennt. Es ist auch die detaillierte Abrechnung mit dem so oft gepriesenen zivilisatorischen Aufschwung, der verfälschend als „männliche Kulturleistung“ von der patriarchal geprägten Wissenschaft und Theologie vereinnahmt wurde und bis heute auch von zahlreichen Experten so beschrieben wird. Wolfs historischer „Kriminalbericht“ verdeutlicht daher auch detailreich, wie es zur Unterdrückung des Matriarchats kam, was Gewalt und menschenfeindliche Theologie bewirkten und wie bis heute tradierte Mythen die historisch wahren Sachverhalte beschönigen. Wolfs Buch ist daher in erster Linie ein beeindruckendes Plädoyer für die Anerkennung „weiblichen Wirkens, weiblicher Politik, weiblicher Wissenschaft, weiblicher Spiritualität, Religion und Kunst“ (Klappentext), stellenweise im Stil einer erfrischend offensiven Argumentation gegen die einseitigen Darstellungen der patriarchal verengten Geschichtsschreibung. Dennoch ist Wolfs Darstellung nicht etwa ein Rundumschlag im Stile des modernen Pseudofeminismus, sondern umfassende Literaturrecherche, exakte Analyse und ergebnisreiche Zusammenführung zahlreicher Einzelfakten zu schlüssigen Thesen. Dass das Resultat eingefleischten Nur-Ägyptologen nicht immer gefällt, zeigen die teils fragwürdigen Kritiken einiger Experten (vgl. z.B.: öffentliche Diskussion mit Thomas Schneider, Weltwoche 1994)*. Ein ähnliches Schicksal traf aber auch andere prominente Ägyptologie-Außenseiter und Autodidakten wie etwa R. Bauval (Orion-Korrelations-Theorie), den Geologen J. A. West (Erosions-Hypothese) oder R. Gantenbrink (Pyramidenschächte). Derartige Kritik sollte die Autorin also nicht stören, ist doch ihr Buch dadurch auch ein Beitrag gegen Wissenschafts- und Autoritätsgläubigkeit sowie ein Plädoyer für die Redlichkeit und die Unbefangenheit der Forschung.
In 10 Kapiteln untersucht Wolf umfassend und sachkundig den Werdegang von der matriarchalen Kultur der Alten Welt über die Eliminierung der Frau aus der Geschichtsschreibung und Verklärung der ägyptischen Geschichte hin zur vollkommen männlich dominierten modernen Gesellschaft und deren Historienschreibung. Dabei gelingt es der Verfasserin meisterhaft, aus archäologischen Einzelbefunden und ungezählten Fakten ein komplexes Bild der Gesellschaftsentwicklung aufzuzeigen und immer wieder auch wichtige zivilisatorische Fragen zu verallgemeinern. Dies betrifft etwa die Themen von Krieg und Frieden, die Unterdrückung in frühen Sklavenhaltergesellschaften oder die destruktive Rolle von Priestertum und Theologie. Wolfs Buch ist deshalb neben dem Sachbuch mit seinen fachlichen Aspekten gleichermaßen ein Ausweis gegen die Menschenfeindlichkeit der antagonistischen Klassengesellschaft. Engagiert in der Formulierung und mutig in der Wort-wahl sind Wolfs Schlussfolgerungen daher immer auch von persönlicher Betroffenheit und einem klaren humanistischen Standpunkt geprägt. Gegenüber vielen Sach- und Fachbüchern des Mainstreams wirken Sprache und Klarheit der Aussagen geradezu erfrischend. Wolfs Feststellungen sind eindeutig formuliert, geradlinig in ihrer Absicht und konsequent bis ins Detail. Kompromisslos daher auch ihre Schlussfolgerungen.
Eine ihrer wichtigsten Ergebnisse betrifft die Epoche vor den Pharaonenreichen. Eindeutig identifiziert sie die indigenen Ägypter als Afrikaner, deren Mutterland durch Einwanderer und vor allem Eroberer zu jenem Reich der patriarchalen Machtstrukturen und Pharaonendynastien wurde, deren Geschichte heute fälschlich unter den Begriffen Zivilisation und Hochkultur subsummiert werden. Besonders brisant ist hierbei die immer wieder diskutierte Frage, ob sich diese „Hochkultur“ plötzlich und unvermittelt ohne äußere Einflüsse im Niltal entwickelte (These der Isolationisten) oder Menschen aus der zentralasiatischen Steppe des Ostens durch Handel, friedliche Infiltration oder vor allem durch Eroberung und Unterdrückung diesen auffälligen Kulturwandel hervorriefen. Wolf Ergebnisse zu dieser Frage sind eindeutig. Ohne den spannenden Exkurs ihres Buches hier auszubreiten und die Resultate vorwegzunehmen, sei der Leser hier auf eine besonders anregende Lektüre eingestimmt. Mittlerweile hat sich auch die klassische Fachelite dazu durchringen können, einer „engen Vernetzung Altägyptens“ mit Nachbarkulturen zuzustimmen, wodurch das „früher verbreitete isolationistische Modell“ mehr und mehr obsolet wurde. Fakten dafür bringt Wolf zuhauf, wie allein die überzeugenden Beispiele zum Sachverhalt „Aratta“ belegen. (So gleicht ein Teil der in Stein geschnittenen Gebrauchs- und Kunstge-genstände, die im Nilland ausgegraben wurden, in Fertigungstechnik und Dekor iranischen Funden, obwohl die Steinschneidekunst in Ägypten zu dieser Zeit nicht bekannt gewesen sein dürfte.)
Besonders interessant sind dabei auch zahlreiche etymologische Beispiele (z.B. für Osiris, Ari, Nut oder Chef), die uns Erklärungen sowohl für verhängnisvolle Falschinterpretationen als auch für das Verständnis der wirklichen Zusammenhänge geben können. Neben den naturgemäßen Auswirkungen der Sprachentwicklung (wie etwa des Lambdazismus = L-R-Wandel) sorgten aber auch immer Expertendeutungen, bewusste Uminterpretationen oder schlicht Missverständnisse für philologisch-linguistische Fehldeutungen.
Wie es zum Umbruch in Ägypten kam, welche Rolle die Wirtschaftsform (Sammler, Jäger, Viehzüchter) und das Verhältnis von Mann und Frau sowie die Religion dabei spielten, wird in den folgenden Kapiteln eingehend untersucht. Die Auswirkungen des rassistischen Klassensystems, der religiösen Doktrin des göttlichen Königtums sowie der Versklavung und Militärgewalt werden dabei ausführlich behandelt. Zahlreiche Abbildungen unterstützen die Argumentationen der Autorin dabei. (Dass einzelne Bilddeutungen durch den Leser nicht immer in gleichem Maße nachvollziehbar sind, liegt vermutlich einerseits am Zustand der oft prähistorischen Malereien und andererseits an fehlendem Kontext oder mangelnder Sachkenntnis des Lesers.)
Die zweite Hälfte des Buches (etwa ab Kapitel 6) ist vor allem der Herausbildung der Pharaonenherrschaft und deren Kampf gegen die Reste matriarchaler Kultur vorbehalten. Ausführlich untersucht Wolf hier die drastischen Folgen der patriarchalen Herrschaft für die Frauen in ihren gesellschaftlichen Positionen sowie die Auswirkungen des Patriarchats auf Ehe und Nachkommenschaft (so etwa auf die Zurückdrängung der Königinnen-Rolle oder die Zunahme der grausamen Sati-Morde).
Der Kampf gegen die Religion der Großen Göttin als Prozess der Mythenbildung bis hin zur Herausbildung des Christentums und dessen schändlicher Verfolgung der Frau (Beispiel Hexenverbrennung) sowie ein Kapitel über die Rolle der religiösen Mythen im Zuge der patriarchalen Machtnahme schließen Wolfs interessante Betrachtungen über den Kampf gegen die Weisheit der matriarchalen Urkultur ab.
Ein Anhang samt Rückbetrachtung zur Rezeption des Wolfschen Forschungsgegenstandes, ausführlichem Register (Verzeichnis der Abkürzungen sowie Literatur-und Quellenliste) und Zeittafel runden das informative Werk aus dem DEWE Verlag ab, das jedem zu empfehlen ist, der sich für Archäologie, Geschichte, Religionsphilosophie, Soziologie und Ethnologie interessiert und den „Rückgriff auf den Matriarchatsbegriff“ nicht als ungeeignetes Mittel „für die Erforschung von sozialen Systemen“ (Wikipedia) ablehnt.
H.S. 8/2016